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Beschreibung des Faches

Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft und Indoiranistik

1. Wesen und Aufgaben der Indogermanistik

Das Fach Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft (kurz: Indogermanistik) ist an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg durch eine Professur vertreten und innerhalb des Departments Alte Welt und Asiatische Kulturen dem Institut für Alte Sprachen zugeordnet. Erster Inhaber der Professur war der Dichter und Orientalist Friedrich Rückert, der das Fach in den Jahren 1826 bis 1841 an der Universität Erlangen vertreten hat.
Die Indogermanistik geht von der Erkenntnis aus, dass die Mehrzahl der Sprachen Europas und einige Sprachen Asiens (die indogermanischen Einzelsprachen) miteinander genetisch verwandt und aus einer gemeinsamen Grundsprache (der indogermanischen Grundsprache, dem Urindogermanischen) hervorgegangen sind. Die Untergruppen und die für die Indogermanistik wichtigsten Glieder der indogermanischen Sprachfamilie sind:

1. Anatolisch (ausgestorben):

Hethitisch (etwa Ende 18. – Ende 13. Jh. v. Chr.); Luvisch (Keilschriftluvisch, 16.-13. Jh. v. Chr.; Hieroglyphenluvisch, etwa 10.-8. Jh. v. Chr.; Lykisch, 5.-4. Jh. v. Chr.); Palaisch (etwa 17.-15. Jh. v. Chr.); Lydisch (etwa 6.-3. Jh. v. Chr.);

2. Indoiranisch (= Arisch):

  • Indisch: Vedisch (etwa Ende 2. Jt. v. Chr. bis etwa Mitte 1. Jt. v. Chr.); Sanskrit (ab 2. Hälfte 1. Jt. v. Chr.); Mittelindisch (z.B. Pāli, die Sprache des buddhistischen Kanons);
  • Iranisch: Altiranisch (Altavestisch [die Sprache Zarathustras], ca. 10. Jh. v. Chr.; Jungavestisch [Sprache der sich an das Reformwerk Zarathustras anschließenden heiligen Literatur der Zoroastrier], ca. 7./6. Jh. v. Chr.; Altpersisch, Ende 6. – Mitte 4. Jh. v. Chr.); Mitteliranisch (Mittelpersisch, Parthisch, Chwarezmisch, Sogdisch, Chotanisch); Neuiranisch (Neupersisch, Paschto, usw.);

3. Balkanindogermanisch:

  • Griechisch (ab 8. Jh. v. Chr.; Mykenisch, etwa 1200 v. Chr.);
  • Armenisch (ab 5. Jh. n. Chr.);
  • Albanisch (ab 16. Jh. n. Chr.);
  • Phrygisch (Altphrygisch 8.-4. Jh. v. Chr.; Neuphrygisch 2./3. Jh. n. Chr.);
  • Makedonisch, Thrakisch, Messapisch (Rest- und Trümmersprachen)
  • Tocharisch (ausgestorben): Ost- und Westtocharisch (2. Hälfte 1. Jt. n. Chr., in der heutigen chinesischen Provinz Sinkiang [Xinjiang]); Zugehörigkeit zum Balkanindogermanischen allerdings umstritten (Alternative: eigene Untergruppe des Indogermanischen);

4. Italokeltisch:

  • Italisch: Venetisch (6.-2. Jh. v. Chr.); Sabellisch (= Oskisch-Umbrisch): Südpikenisch (6. Jh. v. Chr.), Oskisch (3. Jh. v. Chr. – ca. 1. Jh. n. Chr.), Umbrisch (3./2. Jh. v. Chr.); Latino-Faliskisch: Latein (7./6. Jh. v. Chr. – ca. 600 n. Chr.); Faliskisch (6.-2. Jh. v. Chr.);
  • Keltisch: 1. Kontinentalkeltisch: Lepontisch (6. Jh. v. Chr.), Keltiberisch (im antiken Spanien, 3. Jh. v. Chr. – 3. Jh. n. Chr.), Gallisch (etwa 3. Jh. v. Chr. – 3. Jh. n. Chr.), Galatisch;
    2. Inselkeltisch: a) Britannisch (Kymrisch, ab 8. Jh. n. Chr.; Kornisch, 10.-18. Jh. n. Chr.; Bretonisch, ab 9. Jh. n. Chr.); b) Goidelisch/Gälisch: Irisch-Gälisch (ab 7. Jh. n. Chr.; Ogam-Inschriften 4./5. Jh. – 7. Jh. n. Chr.); Schottisch-Gälisch; Manx (gälische Sprache der Isle of Man);

5. Baltoslavisch:

  • Baltisch: Altpreußisch (15.-16. Jh. n. Chr.); Litauisch (ab 16. Jh. n. Chr.); Lettisch (ab 16. Jh. n. Chr.);
  • Slavisch (ab 9. Jh. n. Chr. [Altkirchenslavisch]): Südslavisch (Bulgarisch, Mazedonisch, Serbisch, Kroatisch, Slovenisch), Ostslavisch (Russisch, Weißrussisch, Ukrainisch), Westslavisch (Polnisch, Ober- und Niedersorbisch, Tschechisch, Slovakisch, Polabisch, Pomoranisch, Slovinzisch, Kaschubisch);

6. Germanisch (urnordische Runeninschriften etwa Mitte 2. bis 8. Jh. n. Chr.; Bibelgotisch Mitte 4. Jh. n. Chr.):

Ostgermanisch (Bibelgotisch, Krimgotisch, Vandalisch, Burgundisch), Nordgermanisch (Altwestnordisch: Altisländisch, Altnorwegisch; Altostnordisch: Altschwedisch, Altdänisch), Westgermanisch (Nordseegermanisch: Altenglisch [frühes 8. Jh. n. Chr.], Altsächsisch [ab 9. Jh. n. Chr.], Altfriesisch [ab 13. Jh. n. Chr.]; Althochdeutsch [spätes 8. Jh. n. Chr.]; Altniederfränkisch [ab 10. Jh. n. Chr.]).
Unter ihnen haben Indoarisch und Griechisch aufgrund ihrer Altertümlichkeit und der Art ihrer Überlieferung eine herausragende Bedeutung. Das Lateinische hat besondere Wichtigkeit für die ganze europäische Kultur- und Sprachenwelt sowie für die Wissenschaft von der Sprache überhaupt erlangt. Anatolisch und Tocharisch sind als erst spät entdeckte und noch wenig erforschte Gebiete von besonderem Interesse.
Für die Indogermanistik sind vor allem die älteren Stufen der indogermanischen Sprachen wesentlich, zum Beispiel: Vedisch; Altiranisch (Altpersisch und Avestisch); vorhellenistisches Griechisch; Altlatein; Altirisch; Altgermanisch (Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch usw.); Altkirchenslawisch. Das Ziel der Indogermanistik ist es, diese Sprachen genau zu beschreiben, ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erklären sowie die prähistorische indogermanische Grundsprache zu rekonstruieren.
Der Indogermanist begegnet in seinem Fach Texten von hoher literarischer, geistesgeschichtlicher und historischer Bedeutung, z.B.

  • den altindoarischen Veden (um 1000 v. Chr.);
  • den avestischen Gāthas des Zarathustra;
  • den altpersischen Inschriften der Großkönige Darius und Xerxes (ab 521 v. Chr.);
  • den Epen Homers (um 750 v. Chr.);
  • den hethitischen Gesetzen (ab 1600 v. Chr.);
  • der gotischen Wulfila-Bibel.

Die nicht erhaltene indogermanische Grundsprache kann durch systematischen Vergleich der einander entsprechenden Erscheinungen der Grammatik der Einzelsprachen in ihren wesentlichen Zügen und in zahlreichen Einzelheiten rekonstruiert werden. Hauptziele der Forschung im Fach Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft sind:

  1. die historisch-genetische Erklärung der indogermanischen Einzelsprachen;
  2. die Rekonstruktion der indogermanischen Grundsprache (als wesentliche Voraussetzung für die Erklärung der Einzelsprachen).

Daneben bemüht sich die Indogermanistik durch Kombination sprachwissenschaftlicher und philologischer Methoden um die Klärung bisher unbekannter oder falsch angesetzter Wortbedeutungen. Sie leistet somit einen wichtigen Beitrag zur philologischen Erschließung von Texten in Sprachen, die weniger gut bekannt (z.B. vedisches Altindisch, mykenisches und homerisches Griechisch, Frühlatein) oder fragmentarisch überliefert sind (z.B. Oskisch-Umbrisch, Gallisch, Altpersisch). Die Indogermanistik gewinnt ferner Erkenntnisse über die materielle Kultur, die gesellschaftlichen und politischen Einrichtungen, sowie die geistes- und religionsgeschichtlichen Verhältnisse der prähistorischen Zeit (Linguistische Paläontologie, Indogermanische Altertumskunde). Auch für die Allgemeine Sprachwissenschaft ist die Indogermanistik in vielerlei Hinsicht von Interesse.
Schwerpunkte der Forschung des Faches an der FAU sind: Akzent- und Ablautklassen der indogermanischen Nomina und Verben und die interne Derivation; Etymologie und Wortbildung der indogermanischen Einzelsprachen; baltoslavische Akzentologie; Indoiranistik; lateinische und griechische Sprachwissenschaft; vergleichende germanische Sprachwissenschaft; Keltologie.

2. Das Fach Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft in Lehre und Studium

Auf Grund der zahlreichen sachlichen Berührungen mit anderen Fächern eignet sich die Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft in hervorragender Weise zur interdisziplinären Zusammenarbeit. In der Lehre obliegt der Indogermanistik neben der Ausbildung der Hauptfachstudenten, deren Zahl naturgemäß nicht groß sein kann, z.B. auch die Unterweisung der Studierenden der Klassischen Philologie auf dem Gebiete der lateinischen und griechischen Sprachwissenschaft. Die Indogermanistik bietet weiter eine Ergänzung des Lehrangebots in sprachwissenschaftlichen und philologischen Nebenfächern wie Germanistik, Anglistik, Nordistik und Allgemeiner Sprachwissenschaft sowie in Alter Geschichte, Vor- und Frühgeschichte und Religionswissenschaft. Außerdem vertritt sie gegebenenfalls Philologien, für die an den meisten Universitäten kein eigener Lehrstuhl eingerichtet ist (z.B. Indogermanische Orientkunde, Indoiranische Philologie, Hethitologie, Keltologie, Baltistik, Albanologie).
An der FAU kann das Fach Vergleichende Indogermanische Sprachwissenschaft im Zwei-Fach-Bachelorstudiengang Indogermanistik und Indoiranistik studiert werden. Zusammen mit den Fächern Griechisch, Latein und Mittellatein bietet die Indogermanistik auch den Masterstudiengang Antike Sprachen und Kulturen an. Außerdem beteiligt sich die Indogermanistik mit Wahlpflichtmodulen aus den Bereichen Historische Sprachwissenschaft und Sprachtypologie im Rahmen einer jeweils im Wintersemester stattfindenden Ringvorlesung „Linguistik – Sprachen – Sprache“ an dem interdisziplinären Masterstudiengang Linguistik. Das Lehrangebot im Fach orientiert sich an den Vorgaben der jeweiligen Prüfungsordnungen, an denen das Fach beteiligt ist. Schwerpunktmäßig werden Lehrveranstaltungen zu folgenden Teilbereichen des Faches angeboten: Indogermanistik (Einführung, Rekonstruktion der Grundsprache), Indoiranisch (vedisches Altindisch, klassisches Sanskrit; Avestisch, Altpersisch, Mitteliranisch), Mykenisch, homerisches Griechisch, Einführung in das Germanische, weitere indogermanische Sprachen (z.B. Altlatein, anatolische Sprachen, altgermanische Sprachen, keltische Sprachen, baltische Sprachen, slavische Sprachen, Tocharisch, Armenisch, Albanisch).

3. Wesen und Aufgaben der Indoiranistik

Die indoiranische Philologie (kurz: Indoiranistik) umfasst einen Teil der beiden Fächer Indologie und Iranistik, die anderswo auch durch selbständige Lehrstühle vertreten werden. Die Zusammenfassung zu einem eigenen Fach ist dadurch begründet, dass zwischen dem Altindischen – genauer: Altindoarischen – und dem Altiranischen eine nahe sprachliche Verwandtschaft besteht und beide Sprachen auf eine gemeinsame Vorstufe, die indoiranische Grundsprache (Urindoiranisch oder Urarisch), eine Tochtersprache des Urindogermanischen, zurückgehen.
Die engen Beziehungen zwischen dem arischen Indien und Iran sind nicht nur auf den sprachlichen Bereich beschränkt, sie zeigen sich auch in zahlreichen Übereinstimmungen auf religiösem, literarischem und allgemein kulturellem Gebiet. Im Unterschied zu den Fächern Indologie und Iranistik, die auf ihrem jeweiligen Gebiet den gesamten Zeitraum vom Altertum bis zur Neuzeit abzudecken haben, liegt das Schwergewicht der Indoiranistik auf den Sprachen und Literaturen der älteren Epochen beider Gebiete.
Diese gut bezeugten Altstufen des Indoarischen und des Iranischen, die als sprach- und geistesgeschichtliche Dokumente der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends von grundlegender Wichtigkeit sind, setzen die Indoiranistik in die Lage, durch den Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden auch sprachliche und sachliche Gegebenheiten aus vorhistorischer Zeit (d.h. aus der Zeit der nicht überlieferten indoiranischen Grundsprache) in die Betrachtung einzubringen. Da die Mehrzahl der literarischen Texte des Indoarischen und des Iranischen religiösen Inhalts ist, spielen religions- und geistesgeschichtliche Fragestellungen innerhalb der Indoiranistik eine gewichtige Rolle (z.B. vedischer Polytheismus, magische Weltanschauung, Upanishaden, Zarathustrismus und mazdayasnische Religion).

Das Altindoarische liegt in zwei Entwicklungsstufen, dem Vedischen einerseits und dem epischen und klassischen Sanskrit andererseits, vor.
Für die Indoiranistik ist das Vedische aufgrund seiner Altertümlichkeit von herausragender Bedeutung. Die umfangreiche vedische Literatur, die etwa zwischen 1200 und 500 v. Chr. angesetzt werden darf, lässt sich in mehrere Schichten einteilen:

  • Saṁhitas (Hymnen, Opferlieder, Zaubersprüche, rituelle Prosatexte; ältestes Denkmal der R̥gveda um 1200 v.Chr.);
  • Brāhmaṇas (Prosakommentare zur Begründung des Opferrituals in magischer Weltanschauung);
  • Āraṇyakas und ältere Upaniṣaden (mystisch-spekulative Prosatexte, Ātman-Brahmaṇ-Lehre);
  • Śrauta- und Gr̥hyasutras (Beschreibung des öffentlichen bzw. häuslichen Opferrituals)

Im epischen und klassischen Sanskrit liegt ein umfangreiches, alle kulturellen und wissenschaftlichen Bereiche umfassendes Schrifttum vor.

Vom Altiranischen sind zwei Dialekte überliefert, das Avestische und das Altpersische.
Das Avestische zeigt zwei Ausprägungen:

  • Altavestisch, die Sprache der Gathas (Lieder) und einiger heiliger Gebete des Zarathustra (ca. 10. Jh. v. Chr.);
  • Jungavestisch, die Sprache der sich an das Reformwerk Zarathustras anschließenden religiösen Texte des Mazdayasnismus (ca. 7./6. Jh. v. Chr.).

Das Altpersische ist bezeugt durch die Keilinschriften der Achämenidenkönige, vor allem des Darius I. (521-485) und Xerxes I. (485-465).
Das Altindoarische und das Altiranische setzen sich im Mittelindoarischen bzw. Mitteliranischen fort.
Das Mittelindoarische ist literarisch und inschriftlich in den Prakrit-Dialekten bezeugt, unter denen das Pali als Sprache des buddhistischen Kanons eine besondere Bedeutung hat. Das Mitteliranische wird durch eine Anzahl wichtiger Einzeldialekte repräsentiert, z.B. Mittelpersisch (Pahlavi), Chotan-Sakisch, Sogdisch usw.